Tschad

Geographie

Die Republik Tschad ist ein Binnenstaat in Zentralafrika mit ca. 17,4 Millionen Einwohner_innen (Stand 2021) und einer Fläche, die dreieinhalb Mal so groß ist wie Deutschland (1,3 Mio. qkm2. Das Land erstreckt sich von den trockenen Wüsten der Sahara im Norden über die Halbwüsten- und Savannengebiete des Sahels bis zu den Trockenwäldern und landwirtschaftlich genutzten Gebieten im Süden.  Die Hauptstadt N’Djamena (1,48 Mio Einwohner) liegt im Südwesten des Landes am Tschadsee. Dieser Frischwassersee mit einer mittleren Tiefe von 2 m dient rund 45 Mio. Menschen als Wasserspeicher und Lebensraum und entstand ursprünglich aus einem Grundwasserreservoir aus einer früheren Feuchtperiode der Sahara.Heute speist er sich hauptsächlich aus den beiden Flüssen Schari und Logone. Durch deren Pegelschwankungen unterliegt auch der Wasserspiegel des Tschadsees starken Schwankungen. Aufgrund der zunehmenden Trockenheit infolge des Klimawandels und durch die starke Wasserentnahme durch die Bevölkerung als Trinkwasser und für die Landwirtschaft ist die Zukunft dieses wichtigen Gewässers ungewiss.

Bevölkerung

Die tschadische Bevölkerung setzt sich aus ca. 200 verschiedenen ethnischen Gruppen zusammen. Im islamisch geprägten Norden leben vor allem die arabischstämmigen und saharanischen Gruppen, die als Halbnomad_innen vor allem Viehzucht betreiben. Der landwirtschaftlich geprägte Süden wird von sudanesisch-geprägten Gruppen (deren größte die Sara sind) sowie tschado-hamitischen Gruppen bewohnt. Die Hauptreligion ist mit 50% der sunnitische Islam; daneben gibt es ca. 25% Christ_innen und etwa 25% Anhänger_innen von traditionellen Lokalreligionen. Gesprochen werden über 120 Sprachen und Dialekte. Amtssprachen sind Französisch (das nur von einer eher gebildeten Minderheit gesprochen wird) und Arabisch sowie im Süden des Landes Sara. Arabisch und saharanische Sprachen dominieren im Norden, sudanesische (vor allem Sara) und tschadische Sprachen im Süden des Landes.

Das starke Bevölkerungswachstum führt zu einer sehr jungen Bevölkerung mit 65% unter 25 Jahren. Die Geburtenrate beträgt über 5 Kinder pro Frau, wobei das Durchschnittsalter der Frauen bei der ersten Geburt 17,5 Jahre ist.  Aber die große Armut, schlechte oder fehlende sanitäre Infrastruktur (z.B. Zugang zu sauberem Trinkwasser) und fehlende Bildung in weiten Teilen der Bevölkerung sowie die medizinische Unterversorgung haben eine extrem hohe Kindersterblichkeit (14% der Unter-Fünfjährigen) und eine durchschnittliche Lebenserwartung von unter 60 Jahren zur Folge.

Durch die instabile Lage in den angrenzenden Ländern sind zahlreiche Menschen in den Tschad geflüchtet: Etwa 320.000 aus dem Sudan, mehr als 75.000 aus der Zentralafrikanischen Republik und fast 20.000 aus Nigeria, die zumeist nicht in ihre Heimat zurückkehren können. Dazu kommen über 400.000 Binnenflüchtlinge (2021, Quelle UNHCR). Besonders betroffen ist die Tschadseeregion, in der aufgrund von Terrorismus, Armut und Klimawandel mehr als 2,4 Mio. aus ihrer Heimat vertriebene Menschen leben (EU-Kommission). Die Flüchtlinge sind in 18 Flüchtlingslagern im Süden, in N’Djanema und in der Region des Tschadsees untergebracht sind.

Im Index der menschlichen Entwicklung (HDI) der UNO belegte der Tschad 2019 Rang 187 von 189. Nur etwa 40% der männlichen Bevölkerung und 25% der Tschaderinnen haben Lesen und Schreiben gelernt. Etwa 40% der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln ist z.T. besorgniserregend, besonders in den trockenen Monaten (nach UNOCHA-Angaben ist die Versorgungslage für 5,1 Mio. Menschen unsicher). Die ländliche Bevölkerung ist besonders von Armut betroffen, da die wirtschaftlichen Aktivitäten und Programme des Staats, wenn überhaupt, hauptsächlich der urbanen Bevölkerung zugutekommen. Außerdem wird die Landbevölkerung zunehmend zum Opfer vom sogenannten „Landgrabbing“, wobei nationale Eliten Landflächen aufkaufen und so die lokale Bevölkerung enteignen. Dies führt mittelfristig zu Migrationsentwicklungen aus dem Norden in den fruchtbaren Süden des Landes und bedroht den zivilen Frieden im Land.

Die Covid-19-Epidemie hat auch im Tschad zur Verschlimmerung der Situation des Gesundheitssystems geführt. Ab Mitte Juni 2021 kamen erste Impfstoffe aus China, ausreichend für 100.000 Menschen.

Wirtschaftslage

Obwohl das Land über natürliche Ressourcen wie Erdöl, Gold oder Baumwolle verfügt, haben Bürgerkrieg, langwierige Dürreperioden und Misswirtschaft zu extremer Armut im Tschad geführt. 2003 begann das Land mit dem Export von Erdöl aus dem Doba-Becken im Süden des Landes und konnte so sein Bruttoinlandsprodukt bis 2012 vervierfachen. Allerdings kamen diese Staatseinnahmen nie direkt bei der Bevölkerung an, sondern flossen hauptsächlich in einzelne große Infrastrukturprojekte sowie den Verteidigungsetat, (s. Militärisches Engagement) oder sie versickerten durch Korruption (laut Swissaid flossen 10 Mrd. Euro zugunsten einer kleinen Elite um den Clan des langjährigen Präsidenten Idriss Déby in Steuerparadiese). Der zivile Bereich wie z. B. das Gesundheits- und Sozialwesen, Bildung, Landwirtschaft und der Rechtsstaat wurden komplett vernachlässigt.

So sanken zwischen 2014 und 2016 die Ausgaben für die staatliche Bildung um 20,9 %, Universitätsstipendien wurden gekürzt, während gleichzeitig die Einschreibegebühren angehoben wurden. Auch der staatliche Gesundheitssektor musste starke Einschnitte hinnehmen, so wurde das Budget zwischen 2013 und 2017 um die Hälfte gekürzt, mit gravierenden Folgen für die besonders armen Bevölkerungsgruppen. Den Gesundheitszentren fehlten dadurch einfachste Medikamente wie z.B. Schmerzmittel. Das Programm für die kostenlose medizinische Notfallversorgung schrumpfte um 70%, wodurch Tausende von Tschader_Innen vollkommen von medizinischer Versorgung abgeschnitten wurden.

Als zudem ab 2016 der Ölpreis sank, breitete sich eine landesweite Wirtschaftskrise aus, die bis heute anhält. Durch die starke Abhängigkeit von den Erlösen des Erdölhandels und auf Grund einer mangelhaften Handelsvereinbarung mit der multinationalen Firma „Glencore“ hat sich der Staat enorm verschuldet.

Politische Entwicklung

Die Republik Tschad erlangte am 11. August 1960 nach über 150-jähriger Kolonialherrschaft Frankreichs ihre Unabhängigkeit. François Tombalbaye aus dem Süden des Landes wurde erster Präsident. Von 1966 bis 1994 wurde das Land zum ersten Mal durch einen lang andauernden Bürgerkrieg destabilisiert, als sich die muslimische FROLINAT – Front National de libération du Tchad (Nationale Befreiungsfront), unterstützt von Libyen, Algerien und Sudan, gegen die von Frankreich unterstützte christlich-sudistische Dominanz auflehnte. 1982 kam Hissène Habré an die Macht und errichtete die sogenannte Zweite Republik, die bis 1990 andauerte. In diesen acht Jahren etablierte Habré ein autoritäres Unrechtsregime, in dem er Foltermethoden anwandte und insbesondere Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen beging. Habré verstarb am 24.8.2021 im Alter von 79 Jahren in Dakar (Senegal), wo er eine lebenslange Strafe verbüßte. Seine Opfer warten bis heute auf die ihnen zugesprochene Entschädigung (125 Mio. Euro).

Im Jahr 1990 stürzte Generalleutnant Idriss Déby mit seiner bewaffneten Opposition Mouvement Patriotique du Salut (MPS) den Diktator Habré und regierte ab 1993 drei Jahre lang in einer Übergangsregierung. 1996 kam es nach einem Referendum zu einer Verfassungsänderung, durch die der Tschad offiziell eine präsidiale Republik mit Mehrparteiensystem wurde. In der Verfassungsänderung von 2005 wurde die Beschränkung der Amtszeit des Präsidenten aufgehoben und in der Verfassungsänderung von 2018 wurde der Präsident als Staatsoberhaupt und Oberbefehlshaber der Armee mit nahezu uneingeschränkten Vollmachten ausgestattet. Das Amt des Premierministers wurde abgeschafft und die Gewaltenteilung quasi außer Kraft gesetzt. Von 1990 bis 2021 regierte Idriss Déby aus der ethnischen Gruppe der Zaghawa das Land autokratisch. Im April 2021 wurde er zum sechsten Mal als Präsident wiedergewählt.

Am 20. April 2021, nur wenige Tage nach seiner Wiederwahl am 11. April, starb Idriss Déby, offiziell bei einer militärischen Auseinandersetzung mit Rebell_Innen. Nach seinem Tod wurde ein Militärischer Übergangsrat (Conseil Militaire de Transition, CMT) unter Führung seines Sohnes Mahamat Idriss Déby Itno installiert, der die Regierung und die Nationalversammlung auflöste. Eine Übergangscharta wurde verabschiedet, die die bisher geltende Verfassung des Tschad ersetzen soll. Darin wird dem Militärrat und insbesondere seinem Präsidenten eine enorme Machtfülle zugestanden.

Laut bestehender Verfassung hätte der Präsident der Nationalversammlung, Haroun Kabadi, für fünf Monate bis zum Abhalten von Neuwahlen das Amt des Staatspräsidenten bekleiden sollen. Der Militärische Übergangsrat will jedoch für 18 Monate bestehen bleiben, danach soll es “neue republikanische Institutionen” und Neuwahlen geben. Der Übergangsrat ernannte am 26. April 2021 Albert Pahimi Padacké zum zivilen Regierungschef. Er war als Kandidat der RNDT-Partei mit den zweitmeisten Stimmen aus der Parlamentswahl hervorgegangen und bekleidete schon mehrere Ministerposten in früheren Regierungen. Der politische Übergang (Transition) soll von der Afrikanischen Union begleitet werden, dessen Kommissionspräsident seit 2017 der Tschader Moussa Faki ist.

Inner- und zwischenstaatliche Konflikte

Seit seiner Unabhängigkeit und insbesondere in 2000er Jahren war der Tschad direkt und indirekt in vielerlei inner- und zwischenstaatliche Konflikte der umliegenden Region involviert: So brach Ende 1998 ein Gebietskonflikt zwischen der Zentralregierung und Rebell_innen aus der Region Tibesti aus, der im Dezember 2001 durch ein Friedensabkommen gelöst werden konnte. 2003 weitete sich außerdem der Konflikt in der westsudanesischen Provinz Darfur auf die tschadischen Grenzgebiete aus und brachte über 200.000 sudanesische Flüchtlinge in den Tschad. Die Regierung rief Ende 2005 einen „Zustand der Feindseligkeit“ gegenüber dem Sudan aus.

Im April 2006 entbrannte ein Bürgerkrieg zwischen tschadischen Truppen und Rebell_innen im Tschad. Unter der Vermittlung Libyens wurde Ende 2007 ein Waffenstillstandsabkommen zwischen der Regierung und den Rebellengruppen unterzeichnet. Zum Schutz der Zivilbevölkerung und der sudanesischen Flüchtlinge wurde anschließend die UNO-Mission „MINURCAT“ in den Tschad einberufen, die 2010 auf Wunsch der tschadischen Regierung endete. Trotz oder auch gerade wegen der ausländischen Militäreinsätze kochten neue Kämpfe zwischen Regierungs- und Rebellentruppen hoch, die tausende Tschader_innen in die Flucht nach Kamerun zwangen. Mit militärischer Unterstützung der Regierung durch Frankreich zogen sich die Rebellen weitgehend zurück, trotzdem blieb die politische Situation weiterhin lange angespannt. 2013 kam es zu einem Putschversuch von Seiten des Militärs, der jedoch vereitelt werden konnte.

Militärisches Engagement

Durch sein großes militärisches Engagement gegen den Terrorismus in der Region hatte bereits Hissène Habré internationales Ansehen erlangt und konnte sein Regime in den Augen der internationalen Gemeinschaft legitimieren. Sein Nachfolger Déby setzte diese Tradition fort. Seit 2013 beteiligt sich die tschadische Armee intensiv an militärischen Einsätzen in der gesamten Region, wie z.B. 2013/14 im Rahmen der von Frankreich unterstützten Mission der Afrikanischen Union „MISCA“ in der Zentralafrikanischen Republik oder 2013 – 2015 im Rahmen der afrikanischen Mission „MISMA“ in Mali, die später von der UN unter dem Namen „MINUSMA“ weitergeführt wurde. An dieser „Multidimensionalen Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali“ ist auch die deutsche Bundeswehr beteiligt.

2014 war das Gründungsjahr der G5 Sahel, einer Organisation, die ursprünglich von Mauretanien, Mali, Burkina Faso, Niger und Tschad zur Koordination der Armutsbekämpfung, Infrastrukturausbau, Landwirtschaft und Sicherheit gegründet wurde. Schon 2015 wurde sie durch eine Eingreiftruppe ergänzt, um den islamistischen Terror in der Sahelzone zu bekämpfen. Die EU unterstützt die G5-Eingreiftruppe mit Geld für Infrastruktur und Ausbildung, aber nicht für Waffen. Seit 2017 wird G5 Sahel operativ und logistisch durch MINUSMA unterstützt. Als der Tschad 2015 selbst zur Zielscheibe der radikalislamistischen Terrormiliz Boko Haram wurde, ist er außerdem neben Benin, Kamerun, Niger und Nigeria auch Teil der Multinational Joint Task Force MNJTF, die in der Region um den Tschadsee gegen diese Terrorgruppe kämpft.

Seit 2014 beteiligt sich die tschadische Armee auch an der französisch dominierten „Opération Barkhane“, deren erklärtes Ziel die Bekämpfung des transnationalen islamistischen Terrorismus ist. Im Juni 2021 kündigte der französische Präsident Emmanuel Macron das Ende der Opération Berkhane an mit dem Ziel, den (militärischen) Kampf gegen den Terrorismus stärker zu internationalisieren und stärker mit G5 Sahel, MINUSMA und ECOWAS (Wirtschaftsgemeinschaft der Westafrikanschen Staaten) zusammenarbeiten.Eine Möglichkeit wäre die Takuba-Militäraktion, an der sich 11 europäische Länder beteiligen wollen. Bisher sind es jedoch neben Frankreich erst 6 Länder (Belgien, Dänemark, Estland, Portugal, Tschechien und Ungarn). Diese Koalition ist im Drei-Länder-Eck Mali-Niger-Burkina Faso stationiert und soll um Soldaten aus diesen Ländern verstärkt werden.

Durch sein großes mili­tärisches Engagement ist der Tschad zu einer regionalen Macht aufgestiegen, was insbesondere der Machtelite des Landes zugutekommt. Jedoch geht dieses Engagement mit einem starken Anstieg der Militärausgaben einher: zwischen 2000 und 2­009 stieg der Militärhaushalt um 663%. Die Ausgaben machten 2016­ bereits 11% des Staatshaushalts aus. Der gesamte Sicherheitssektor betrug in 2020 etwa 40% der gesamten Staatseinnahmen.

2017 in Paris, 2018 in Berlin fanden Internationale Geberkonferenzen für den Tschad bzw. für die Tschadseeregion statt. Die internationale Gemeinschaft will den Ländern humanitäre Hilfe zukommen lassen, entwicklungspolitische Programme unterstützen und insbesondere den Tschad ermutigen, den Kampf gegen den Terror fortzuführen.

Internationale Beziehungen

Die Republik Tschad ist u.a. Mitglied der Vereinten Nationen (UN), der  Afrikanischen Union (AU), der Zentralafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (CEEAC / ECCAS), der Zentralafrikanischen Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft (CEMAC) und der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC). Die Regierungen des Tschad haben traditionell gute Beziehungen zur früheren Kolonialmacht Frankreich, das oft der jeweiligen Regierung bei bürgerkriegsähnlichen Situationen militärischen Beistand leistet.

Die Beziehungen zu den Nachbarstaaten sind oft belastet, z.B. gab es mit Libyen einen jahrzehntelangen Konflikt um den Aouzou-Streifen im Norden des Landes. Zum Sudan sind die Beziehungen seit dem offenen Ausbruch des Darfur-Konflikts belastet.

Neben den USA unterhält auch China zunehmend enge Beziehungen zum Tschad und beliefert das Land unter anderem mit Waffen.

Deutschland unterhält diplomatische Beziehungen zum Tschad, hat die bilaterale Zusammenarbeit aufgrund der zunehmend autoritären Regierung aber eingestellt. Es stimmt seine Außenpolitik gegenüber diesem Land eng mit der EU ab. Innerhalb der EU-Politik ist die Rolle Frankreichs dominant.

Aufgrund seiner strategischen Lage als Transitland für viele Flüchtlinge aus Subsahara-Afrika steht der Tschad seit einigen Jahren im Zentrum der Debatte um die Bekämpfung „illegaler“ Migration nach Europa.

Menschenrechtslage

Das Recht auf freie Meinungsäußerung wurde 2020 von den Behörden eingeschränkt. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie führten dazu, dass viele Menschen von Nahrungsmittelknappheit betroffen waren. Der Zugang zur Gesundheitsversorgung war beschränkt. Trotz gesetzlicher Verbote gab es weiterhin Fälle von Frühverheiratungen und weiblicher Genitalverstümmelung. Bewaffnete Gruppen verübten Menschenrechtsverstöße an der Bevölkerung.

Hintergrund

Die Sicherheitslage war 2020 instabil, vor allem im Gebiet des Tschadsees, wo die bewaffneten Gruppen Boko Haram und Islamischer Staat in der Provinz Westafrika aktiv waren. Es kam erneut zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, bei denen Menschen getötet wurden, unter anderem in den Provinzen Batha und Sila.

Die Parlamentswahlen wurden zum fünften Mal verschoben und waren nunmehr für 2021 geplant. Zur Begründung erklärte der Vorsitzende der Wahlkommission, die Volkszählung habe sich durch die Corona-Pandemie verzögert. Ende Oktober 2020 umstellte die Polizei tagelang die Büros politischer Parteien und zivilgesellschaftlicher Organisationen, die nicht an einem von der Regierung organisierten nationalen Forum zu institutionellen und politischen Reformen teilgenommen hatten, weil sie kein Interesse daran hatten oder weil sie nicht eingeladen worden waren.

Zu den Maßnahmen, die die Regierung zur Eindämmung der Corona-Pandemie ergriff, zählten ein Versammlungsverbot, Lockdowns und hohe Geld- und Gefängnisstrafen für Verstöße gegen die Maskenpflicht. Es wurden auch Schritte unternommen, um durch die Pandemie verursachte Notlagen zu lindern.

Willkürliche Festnahmen und Inhaftierungen

Im Januar 2020 entführten bewaffnete Männer mit Sturmhauben den Menschenrechtsverteidiger Baradine Berdei Targuio aus seinem Haus in der Hauptstadt N’Djamena. Es wurde vermutet, dass er sich ohne Kontakt zur Außenwelt im Gewahrsam der Nationalen Sicherheitsbehörde (Agence Nationale de Sécurité) in N’Djamena befand. Im Februar bestätigte der Justizminister, man habe ihn wegen „subversiver Aktivitäten in den sozialen Medien” inhaftiert. Entgegen den gesetzlichen Vorgaben wurde er erst im August einem Staatsanwalt und einem Ermittlungsrichter vorgeführt und wegen Gefährdung der nationalen Sicherheit, illegalen Waffenbesitzes, tätlichen Angriffs und Körperverletzung angeklagt. Er blieb in willkürlicher Untersuchungshaft, während er auf seinen Prozess wartete. Am 11. Juni 2021 wurde er unter Auflagen aus der Haft entlassen.

Am 27. November nahm die Polizei Alain Kemba Didah von der Bürgerbewegung Mouvement Citoyen le Temps im Sender Radio FM-Liberté in N’Djamena fest. Seine Inhaftierung stand offenbar in Zusammenhang mit einem alternativen Forum zu Reformen, das politische Parteien und zivilgesellschaftliche Organisationen geplant hatten, das von den Behörden aber verboten worden war. Er wurde wegen „Störung der öffentlichen Ordnung“ und „aufrührerischen Handlungen“ angeklagt. Am 11. Dezember entließ man ihn aus der Haft, nachdem ihn ein Gericht freigesprochen hatte.

Recht auf freie Meinungsäußerung

Das Recht auf Meinungsfreiheit und Zugang zu Informationen wurde weiterhin verletzt. Im März 2020 berichtete der Tschadische Journalistenverband, dass die Polizei zwei Journalisten des nationalen Fernsehens und ihren Fahrer in N’Djamena geschlagen habe, als sie über Corona-Einschränkungen bezüglich Versammlungen berichteten. Sie wurden drei Stunden lang verhört, bevor man sie ohne Anklage freiließ.

Ab dem 22. Juli 2020 wurden soziale Medien teilweise blockiert, nachdem dort ein Video kursierte, das einen Armeeoberst bei einer Schlägerei mit einigen Männern in N’Djamena zeigte. Der Minister für Kommunikation erklärte, die Maßnahme sei ergriffen worden, um Menschen daran zu hindern, Hassbotschaften zu verbreiten. Ende des Jahres bestand die teilweise Blockade immer noch.

Im September schloss die für Medien zuständige Behörde (Haute Autorité des Médias et de l’Audiovisuel) zwölf vermeintlich oppositionelle Zeitungen für drei Monate mit der Begründung, sie hätten gegen das Pressegesetz verstoßen, das vorschreibt, dass Herausgeber_innen und Chefredakteur_innen ausgebildete Journalist_innen und Hochschulabsolvent_innen sein müssen.

Folter und andere Misshandlungen

Im Zuge der Militäroperation “Bohoma Anger” wurden am 14. April 2020 im Gebiet des Tschadsees 58 mutmaßliche Mitglieder von Boko Haram festgenommen und in der 10. Legion der Gendarmerie in N’Djamena inhaftiert. Bis zum 16. April waren 44 von ihnen in ihrer Zelle gestorben. Die Staatsanwaltschaft erklärte, Autopsien hätten ergeben, dass ihr Tod auf die Einnahme einer giftigen Substanz zurückzuführen sei. Die Nationale Menschenrechtskommission untersuchte den Fall und teilte mit, dass schlechte Haftbedingungen zu ihrem Tod beigetragen haben könnten. Sie wies Behauptungen zurück, es habe sich um Selbstmord gehandelt. Die Männer wurden in beengten Zellen festgehalten, mussten auf dem nackten Fußboden schlafen und erhielten weder Wasser noch Nahrung.

Nach Angaben der Tschadischen Liga für Menschenrechte wurden im Mai mehr als 200 Menschen auf der Straße oder an ihrem Arbeitsplatz festgenommen, darunter zahlreiche Frauen. Viele seien in der Haft mit Schlagstöcken traktiert worden, weil sie gegen die Ausgangssperre in den Provinzen Mayo-Kebbi West und Logone Oriental verstoßen hatten.

Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte

Recht auf Nahrung

Im Juli 2020 teilte das Frühwarnsystem für Hungersnöte (FEWS-NET) mit, dass die Corona-Maßnahmen die Situation von in Armut lebenden Menschen weiter verschärft habe und viele von Nahrungsmittelknappheit betroffen seien. Im Norden und Osten des Landes stiegen die Preise für Grundnahrungsmittel um 21 % Prozent. Auch der bewaffnete Konflikt im Gebiet des Tschadsees sorgte dafür, dass viele Menschen Hunger litten. Nach Angaben von FEWS-NET waren 39 der 107 Departements von Ernährungsunsicherheit betroffen, in 15 davon war die Situation kritisch, und fast 4 Mio. Menschen benötigten humanitäre Hilfe.

Recht auf Gesundheit

Der Zugang zur Gesundheitsversorgung war sehr begrenzt. Nach Angaben der Regierung mussten die Menschen im Durchschnitt etwa 45 Kilometer zurücklegen, um ein Gesundheitszentrum zu erreichen. Im Durchschnitt kamen auf 28.531 Personen ein Arzt oder eine Ärztin und auf 5.902 Frauen eine Hebamme.

Es gab nicht genug Gesundheitseinrichtungen und medizinische Ausrüstung, um die steigende Zahl von COVID-19-Patient_innen aufzunehmen. Im Mai 2020 teilte die Weltgesundheitsorganisation mit, dass die Zahl der an oder mit dem Coronavirus gestorbenen Menschen 6 % über dem afrikanischen Durchschnitt lag.

Im Juni berichtete die Tschadische Liga für Menschenrechte, dass sich 68 Beschäftigte des Gesundheitswesens aufgrund fehlender Schutzausrüstung mit dem Coronavirus infiziert hätten. In den von der Regierung bereitgestellten Quarantäneeinrichtungen für Infizierte, bzw. für Personen, bei denen der Verdacht bestand, dass sie sich infiziert hatten, war die notwendige Isolation nicht gewährleistet. Nach Angaben der Tschadischen Liga herrschten dort unhygienische Bedingungen, es mangelte an Wasser, und die medizinische Versorgung war unzureichend.

Frauenrechte

In den Medien fanden sich 2020 weiterhin Berichte über Fälle von Frühverheiratungen, obwohl ein Gesetz aus dem Jahr 2015 Kinderehen verbietet. Nach Angaben des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) war die Rate der Kinderehen eine der höchsten weltweit.

Frauenrechtsorganisationen teilten mit, dass im Juli und August in den Provinzen Mandoul und Logone Oriental mehr als 200 Mädchen Opfer weiblicher Genitalverstümmelung wurden. Im September äußerte sich die Nationale Menschenrechtskommission besorgt über die Zunahme von Genitalverstümmelungen trotz gesetzlichen Verbots.

Verstöße bewaffneter Gruppen

Die bewaffneten Gruppen Boko Haram und Islamischer Staat in der Provinz Westafrika verübten im Gebiet des Tschadsees schwere Menschenrechtsverstöße. Sie waren gegen die Bevölkerung gerichtet und führten zu zahlreichen Todesopfern. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration gab es im April 298.803 Binnenvertriebene. Ihre Zahl wuchs bis September auf 363.807 an; 64 % von ihnen hatten ihre Dörfer verlassen, um der Gewalt zu entkommen.

Der UN-Generalsekretär berichtete über einen Angriff von Boko Haram auf das Dorf Tinana im Departement Kaya, bei dem im August zehn Menschen getötet wurden. Nach Angaben der örtlichen Behörden hatten bewaffnete Männer das Dorf in der Nacht umstellt, auf Zivilpersonen geschossen und Häuser geplündert.

 

Amnesty-Berichte zum Tschad

Amnesty Report 2020 zur Menschenrechtslage im Tschad

“Strangled budget – silenced dissent – The human cost of austerity measures in Chad” 2018.   Amnesty beleuchtet darin die Auswirkungen der drastischen Sparmaßnahmen auf die Zivilgesellschaft.   Die Pressemitteilung zum Bericht finden Sie hier.

Amnesty Report 2018 zur Menschenrechtslage im Tschad

Amnesty Report 2017 zur Menschenrechtslage im Tschad

9. September 2021